Die neue Börsenwoche beginnt mit einem Kater aus dem Oktober. Am Freitag, 30. Oktober, erlebte die Wall Street ihren schwächsten Handelstag seit Juni. Der Nasdaq Composite verlor 2,9 Prozent, der S&P 500 gab 1,8 Prozent nach. Auslöser waren wachsende Zweifel, ob sich die gewaltigen KI-Investitionen so schnell bezahlt machen wie erhofft. Der DAX schloss 0,9 Prozent tiefer, TecDAX und SDAX litten noch stärker. Zum Start in den November sieht das Bild freundlicher aus. Die US-Futures zeigen leicht nach oben, und für Europa rechnen Händler mit einem Start im Plus. In Asien legten Südkorea und China zu, Japan trat auf der Stelle. Für Entlastung sorgt der Ölpreis, denn Brent fiel um rund 3 Prozent, nachdem Iran Gespräche in Katar über eine mögliche Öffnung der Straße von Hormus bestätigte. Am Dienstag stehen zudem die US-Zwischenwahlen an.
Fresenius baut die Biosimilar-Pipeline kräftig aus
Fresenius (ISIN: DE0005785604) liefert die spannendste Nachricht vor Handelsstart. Der Gesundheitskonzern hat mit dem chinesischen Auftragsentwickler Wuxi Biologics eine exklusive Vereinbarung geschlossen. Fresenius erhält Optionsrechte auf bis zu 37 Biosimilar-Kandidaten, also Nachahmerprodukte biotechnologisch hergestellter Medikamente. Die Pipeline könnte damit von 29 auf bis zu 66 Moleküle wachsen. Die Originalpräparate kommen laut Unternehmen auf Umsätze von mehr als 370 Milliarden Euro. Fresenius spricht von der größten Biosimilar-Vereinbarung, die bislang bekannt gegeben wurde.
Gefallen dürfte Anlegern vor allem das Finanzierungsmodell. Wuxi wird je ausgewähltem Projekt bezahlt, die Kosten steigen also erst mit dem Fortschritt der Programme. Fresenius behält die weltweiten Vermarktungsrechte, finanziert alles aus dem laufenden Geschäft und bestätigt die Prognose für 2026. CEO Michael Sen kündigte zugleich an, die Biopharma-Ziele für 2030 deutlich anzuheben. Offen bleibt, wie schnell daraus Umsatz wird, denn die Optionen werden über das kommende Jahrzehnt gezogen.
Weniger harmonisch läuft es in der Chemie. Evonik (ISIN: DE000EVNK013) hat auch das nachgebesserte Angebot von BASF (ISIN: DE000BASF111) zurückgewiesen, das insgesamt bei rund 11 Milliarden Euro liegt. Der Vorstand will Evonik eigenständig weiterentwickeln und bietet lediglich einen informativen Austausch an. BASF zeigte sich verständnislos. Damit bleibt die Frage, ob BASF ein drittes Mal nachlegt. Am Dienstag legt Evonik Quartalszahlen vor, die Argumente für die eigene Bewertung liefern müssen.
Bayer atmet auf, Intel schockt die Chipbranche
Bayer (ISIN: DE000BAY0017) war am Freitag mit einem Plus von 5,5 Prozent einer der wenigen Lichtblicke im DAX. Eine Geschworenenjury im US-Bundesstaat Missouri wies eine Glyphosat-Klage gegen die Tochter Monsanto einstimmig ab. Bemerkenswert ist der Fall, weil die Kläger einen angeblichen Konstruktionsfehler geltend machten. Klagen wegen fehlender Warnhinweise hatte der Supreme Court bereits im Juni weitgehend ausgebremst. Analysten sehen darin ein Signal, dass weitere Kläger eher dem geplanten Sammelvergleich zustimmen. Der sieht Zahlungen von bis zu 7,25 Milliarden Dollar über bis zu 21 Jahre vor, braucht aber noch die Zustimmung eines Richters. Auch Bayer berichtet am Dienstag.
Auf der anderen Seite des Kurszettels steht Intel (ISIN: US4581401001). Die Aktie stürzte am Freitag um 28,6 Prozent ab, so stark wie seit 1974 nicht mehr. Dabei wuchs der Quartalsumsatz um 21 Prozent auf 16,5 Milliarden Dollar. Den Ausschlag gab der Ausblick. Für das laufende Quartal erwartet Intel nur 15 bis 16 Milliarden Dollar Umsatz und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 25 Cent, beides klar unter den Schätzungen. Teure Speicherchips bremsen die PC-Nachfrage, und der Konzern rechnet für 2027 mit einem weiteren Marktrückgang von rund 10 Prozent.
Die Schockwelle erreichte Europa schnell. Infineon, ASML und Siemens Energy verloren am Freitag jeweils mehr als 6 Prozent. Das zeigt, wie empfindlich der Markt inzwischen auf jedes Fragezeichen hinter dem KI-Boom reagiert, obwohl Intel mit dem schwachen PC-Geschäft ganz andere Sorgen hat als die großen KI-Gewinner.
Apple und Palantir entscheiden über die Stimmung
Der Handelstag am 2. November gehört konjunkturell den Einkaufsmanagerindizes der Industrie, die ab 9:55 Uhr für Deutschland und um 10 Uhr für die Eurozone in zweiter Lesung kommen. Die erste Schätzung für Deutschland lag bei soliden 54,2 Punkten. Um 16 Uhr folgt der ISM-Index aus den USA. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt aber nach Börsenschluss in Europa. Palantir (ISIN: US69608A1088) hatte zuletzt ein Umsatzplus von 93 Prozent geliefert und für das dritte Quartal rund 2,16 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht gestellt. Nach einem solchen Tempo reicht ein bloßes Erfüllen der eigenen Vorgaben womöglich nicht. Apple (ISIN: US0378331005) soll nach Analystenschätzung 1,98 Dollar je Aktie verdienen. Nach dem nervösen Freitag dürften beide Zahlenwerke zeigen, ob eine Erholung Bestand haben kann oder ob der Oktober-Kater noch nachwirkt.